Gräber der im NS Verfolgten müssen unter Schutz gestellt werden

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Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg sind lange her. Viele von den Jüngeren wissen wenig darüber, und es gibt wenige Stätten, die an Krieg und Verfolgung in jenen Zeiten erinnern. Für viele Familien sind es oft nur die Gräber verstorbener Angehöriger, die die Erinnerung wachhalten. Für viele Sinti und Roma haben diese Gräber eine besondere Bedeutung. Dort gedenkt man nicht nur des hier begrabenen toten Menschen, sondern auch derjenigen Familienangehörigen, für die es nirgends eine Grabstelle gibt. Außerdem werden die Familien häufig schon damit konfrontiert, dass die vorgeschriebene Ruhezeit zu Ende geht. Aufgrund der Friedhofsordnungen werden dann die Gräber eingeebnet. So verschwinden nicht nur die Gräber eines oder einer lieben Angehörigen, sondern damit zugleich die Erinnerungsstätten, an denen anderer Opfer des Porrajmos gedacht werden konnte.

Gebühren für die Verlängerung der Ruhezeiten sind oft zu hoch. Oder es ist kein Nachkomme mehr vorhanden, der das Grab weiter pflegen könnte. Die Erhaltung dieser Grabstätten ist aber ein wichtiger Bestandteil der Identität der Sinti und Roma. Die Mehrheitsgesellschaft ist es der früher verfolgten und heute noch vielfältig benachteiligten Minderheit schuldig, dass diese Gräber in öffentliche Obhut genommen werden. Das bedeutet natürlich nicht, dass noch vorhandene Nachkommen kein Recht auf eigene Grabpflege mehr hätten. Es bedeutet nur, dass die Gräber für immer unter Schutz stehen und dass keine weitere Ruhezeit gekauft werden muss. In vielen Bundesländern ist dieses Verfahren bereits üblich. Auch Niedersachsen will und muss sich dem anschließen. Wie die Situation in Hannover ist, davon berichtet der obige Artikel, der vor einiger Zeit in der Neuen Presse Hannover erschienen ist.

In Nienburg soll am Freitag, dem 23. Juni 2017, ein Treffen stattfinden, auf dem diese Fragen zur Sprache kommen. Betroffene Sinti aus unserer Gegend sind eingeladen, um 17:30 Uhr ins Rathaus (Witebsk-Zimmer) zu kommen und an der Diskussion teilzunehmen. Nähere Auskunft gibt Thomas Gatter (Tel. 0151 1728 7826). Wer unsicher ist, ob die Teilnahme sinnvoll ist, kann sich außerdem gern bei Mario Dettmer (Haßbergen) erkundigen.

 

Ausstellung über Sinti-Sportler in Minden

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Ausstellung im Bildungszentrum der Mindener Sinti “Mer Ketne – Wir zusammen!”, Königstraße 3, 32423 Minden, ab Samstag, 1. April 2017, 17 Uhr.

Seit langem kämpfen wir mit vielen Sportsfreunden um Respekt in den Stadien und Sportstätten dieses Landes. Auch viele berühmte Sportlerinnen und Sportler machen mit: Nein zum Rassismus! Aber auch in der Sportgeschichte muss die Mehrheitsgesellschaft daran erinnert werden, dass so manche Heldinnen und Helden des Sports Minderheiten angehören. Dass ihre Leistungen anerkannt werden, gehört auch zum Respekt im Sport.

In Minden  wird jetzt eine Ausstellung eröffnet, die drei “vergessene Helden” des Sports in den Mittelpunkt stellt. Die Ausstellung über OSWALD MARSCHALL, WALTER LAUBINGER und SERGIO PETER wurde von dem Nienburger Sportpädagogen Andrzej Bojarski erstellt und wird am Samstag, 1. April 2017 um 17.00 Uhr im Bildungszentrum Mer Ketne Wir zusammen! in der Königstraße 3 in 32423 Minden eröffnet.

Der Sport bietet vielfältige Möglichkeiten zur gesellschaftlichen Inklusion von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen. Gleichzeitig ist der Sport aber ein Bereich, in dem sich Rassismus und Antiziganismus in unterschiedlichen Dimensionen entfalten können. Sie reichen von weit verbreiteten Vorurteilen über neonazistische Hetzparolen (z.B. Zick Zack Zigeunerpack) bis hin zur Gewalt. Welche positiven Vorbilder gibt es im Sport, und welche Funktion kann er für die Identitätsbildung und Selbstbehauptung von Sinti und Roma einnehmen? Andrzej Bojarski: “Ich hoffe, nicht nur als Pädagoge, sondern viel mehr als Sportler mit dieser Ausstellung das fehlende Selbstvertrauen der jungen Sinti und Roma in Deutschland zu stärken und ihnen die wichtige Rolle des Sports zur Identitätsfindung näher zu bringen. Die Jugendlichen orientieren sich sehr stark an Vorbildern und solch ein erfolgreiches Vorbild möchte ich in meiner Arbeit aufzeigen. Ich hege die Hoffnung, dass sich mehr Sinti und Roma nach dieser Ausstellung trauen, ihre Identität offen zu legen.”

AndrzejAndrzej Bojarski geb. am 28.1.1978 in Chojnice (Polen). Abitur an einer IGS in Aurich (Ostfriesland) Danach Ausbildung an der Europäischen Akademie des Sports in Trier, anschließend Studium für die Fächer Sport und ev.Religion und Referendariat in Leipzig. Ab 2016 Rektor an der Leintorschule in Nienburg (LTS)- Grund und Hauptschule mit Klasse 10. Mitglied des Netzwerkes: Lehrkräfte mit Migrationsgeschichte, Mitglied des Arbeitskreises Kirche und Sport der evangelisch-lutherische Landeskirche Hannovers, GEW stellv. Vorsitzender des Kreisverbandes Nienburg, Arbeitskreis Gedenken e.V. der Stadt Nienburg, stellv. Vorsitzender. (Foto: Die Harke)

Schrotten der Film kommt nach Nienburg, am 26. 3. 11 Uhr Filmpalast!

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Schrotten der Film – demnächst im Nienburger Filmpalast, übrigens mit Laien-Schauspielern auch aus Nienburg und Umgebung!

 

 

 

Schrotten der Film! Ein Film, der eintaucht in eine ganz eigene Kultur! Ein Film, der Menschen als Menschen wahrnimmt, auf die die Mehrheitsgesellschaft unberechtigter Weise herabsieht! Der norddeutsche Regisseur Max Zähle widmet ihnen mit seiner Komödie „Schrotten!“ eine warmherzige Würdigung. Lucas Gregorowicz aus „Lammbock“ spielt den Versicherungsmakler Mirko Talhammer, der vor Jahren mit seiner Familie gebrochen hat und seither in der Großstadt lebt. Die Beerdigung seines Vaters führt ihn zurück auf den in der tiefsten Pampa liegenden Schrottplatz seines Bruders Letscho (Frederick Lau). Eigentlich können sich die beiden nicht ausstehen, aber sie raufen sich buchstäblich zusammen. Denn es geht um den Erhalt des Schrottplatzes, der von der Übernahme durch einen großen Recyclingunternehmer (Jan-Gregor Kremp) bedroht ist. Um dem Ruin zu entgehen, lassen sich die Brüder auf eine schier wahnwitzige Aktion ein: Es kommt der Tag, da muss der Schrottie schrotten! Das sympathische Außenseitermärchen lebt von seinen kauzigen Typen und lebensechten Dialogen. Das Finale sollte man nicht auf seinen Realitätsgehalt überprüfen. Doch dafür erreicht der Film in seinen besten Momenten die Schärfe und Authentizität britischer Sozialkomödien. Nicht umsonst konnte dieser komödiantische Film über die Welt der Sinti den begehrten Publikumspreis beim Obhüls-Filmfestival. Ein Film, aus dem Leben gegriffen, wenn auch nicht aus dem Leben des braven Bürgers! (nach cinema.de)

Sonntag, 26. 3. 2017, 11 Uhr, Filmpalast Nienburg, Brückenstraße 2, 31582 Nienburg, 05021 3800, info@Kino-Nienburg.de

Heute in Ahlem: Niedersachsen gedenkt der Deportation der Sinti

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Orte der Erinnerung an den Porrajmos: der Bahnhof Fischerhof in Hannover-Linden.

In der Nacht zum 3. März 1943 wurden Sinti und Roma aus Nord­deutschland in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert. In Hannover erfolgte die Verschleppung aus dem Sammellager in der ehemaligen Jüdischen Gartenbauschule Ahlem über den Bahnhof Fischerhof. Die Aktion war seit Mitte Dezember 1942 von den örtlichen Polizeidienststellen im Raum Hannover infolge eines Erlasses des “Reichführers- SS” Heinrich Himmler vorbereitet worden. Daran wird heute in der Gedenkstätte Hannover-Ahlem, Heisterbergallee 10, 30453 Hannover, ab 12 Uhr erinnert.

 

Ein Ghetto-Überlebender sucht nach Spuren seiner Familie

Das Bildungszentrum des Vereins Deutscher  Sinti in Minden zeigt den Kino-Dokumentarfilm “Linie 41”. Natan Grossman, Überlebender des Ghettos Lodz in Polen, kehrt zurück in seine Heimatstadt und versucht, über 70 Jahre nach den damaligen Geschehnissen herauszufinden, was mit seinem Bruder geschah. Die Eltern wurden im Ghetto ermordet. Der inzwischen neunzigjährige Natan wird mit seinen Erinnerungen ebenso konfrontiert wie mit der Situation im heutigen Polen. Er trifft auf den Sohn des damaligen Nazi-Bürgermeisters, der ebenfalls nach Spuren seiner Familie sucht. Eine spannende und berührende Kino-Doku über die Verfolgung in Nazi-Deutschland und ein Film, mit dem das Zentrum “Mer Ketne – Wir zusammen” seine Bildungsarbeit in Minden fortsetzt. Die Veranstalter Oswald Marschall und Carmen Marschall-Strauss freuen sich auf zahlreiche Besucherinnen Besucher!

Montag, 6. 3. 2017, 19 Uhr, Mer Ketne-Bildungszentrum der Mindener Sinti, Königstraße 3, 32423 Minden. Regisseurin Tanja Cummings wird anwesend sein!

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In ihrer Kino-Doku erzählt Regisseurin Tanja Cummings von der Suche des neunzigjährigen Nathan Grossman nach Spuren seiner im Ghetto ermordeten Eltern und nach dem verschwundenen Bruder.

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Jetzt erst recht gemeinsame Erinnerungskultur unterstützen!

Beste Antwort auf den Rechtsextremismus: Zusammenstehen und offene Diskussion
Arbeitskreis Gedenken und Forum für Sinti und Roma rufen zu Nienburger Forum des Gedenkens auf

Vor dem Hintergrund der jüngsten Aktivitäten von (Neo-)Nazis in Nienburg rufen der  Arbeitskreis Gedenken und das Forum für Sinti und Roma Hannover zu einer starken Beteiligung am Forum des Gedenkens auf. Das öffentliche Forum findet im Ratssaal der Stadt Nienburg am 4. 2. ab 11 Uhr statt. Vorbereitend dazu bringt der Filmpalast Nienburg, Brückenstraße 2, den Film “Wir sind Juden aus Breslau” in Anwesenheit der Filmemacher Karin Kaper und Dirk Szuszies auf die Leinwand.

Die beiden Einrichtungen der Stadt Nienburg und der Region Hannover halten dies für die beste Antwort auf den in Nienburg aufbrandenden Rechtsradikalismus und seinen offenbar konzertierten Angriff auf die Gedenkkultur an der Mittelweser. Vor dem Hintergrund öffentlicher Schmähungen der Gedenkkultur durch Repräsentanten der AfD und anderer rechtsradikaler Parteien und Gruppierungen in den letzten Wochen kam es  am 19. November 2016 und am 28. Januar 2017 – beide Male im unmittelbaren Umkreis antifaschistischer und offizieller Gedenktage – zu Aufmärschen der Nazis in der Weserstadt. Besonders der letzte Aufmarsch einen Tag nach dem Internationalen Holocaust-Gedenktag und unmittelbar vor dem Gedenken Nienburger Sinti an alle Opfer von Shoa und Porrajmos erinnerte mit seiner NS-Choreographie an Fackelzüge der SA und Bücherverbrennungen. Am Holocaust-Gedenktag war zudem die Stadt durch eine Bombendrohung in beiden Gymnasien – zeitgleich mit einer Informationsveranstaltung zur Kultur der Sinti in einer anderen Schule – in Angst versetzt worden.

Arbeitskreis Gedenken Nienburg und Forum für Sinti und Roma Hannover gehen davon aus, dass die rechtsradikalen Aktionen an der Mittelweser kein Zufall sind. Nienburg habe eine intensive Gedenkkultur. Diesem wichtigen Bestandteil des öffentlichen Lebens der Stadt gelte der Angriff der Neonazis. Die beiden Einrichtungen teilen die Ansicht von WABE, dass Nienburg von der “Rechten” als möglicher Ersatz für Bad Nenndorf ausgewählt wurde, wo starke zivilgesellschaftliche Gegenmaßnahmen ihre Freiräume weitgehend zurückgedrängt haben. Arbeitskreis und Forum appellieren an die Nienburger Öffentlichkeit, diesem Angriff eine Absage zu erteilen. Die beste Antwort der demokratischen Kräfte auf den Rechtsextremismus sei Zusammenstehen und offene Diskussion. Sie fordern zur verstärkten Teilnahme am bevorstehenden Forum des Gedenkens auf, das eine gute Möglichkeit biete, die Vorkommnisse und ihre Hintergründe öffentlich zu diskutieren.

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Beschluss zum Erhalt der Gräber von NS-verfolgten Sinti und Roma

Betr.: Übernahme der Kosten durch Bund und Länder

Vom Bundesfamilienministerium erreicht mich folgende Mitteilung:

Die Kosten der Grabstätten von den im Nationalsozialismus verfolgten Sinti und Roma werden künftig zu je 50 Prozent von Bund und Ländern übernommen. Manuela Schwesig begrüßte den Entschluss. Bund und Länder haben am 9. Dezember im Rahmen der Ministerpräsidentenkonferenz in Berlin einen Beschluss zum Ruherecht für Grabstätten der unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft verfolgten Sinti und Roma gefasst. Bund und Länder sind übereingekommen, die Kosten zum Erhalt der Gräber zu je 50 Prozent zu übernehmen. Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig sagte dazu:

 “Ich begrüße den Beschluss zum Erhalt der Gräber derjenigen Sinti und Roma, die vom Nationalsozialistischen Regime als Volksgruppe aus rassistischen Gründen verfolgt wurden. Das sind wir den Toten und ihren Nachkommen schuldig. Mein Haus wird in enger Abstimmung mit den zuständigen Stellen in den Ländern eine Regelung erarbeiten, damit dieser Beschluss schnell umgesetzt werden kann.”

Die Umsetzung kann unter Wahrung verfassungsrechtlicher Zuständigkeiten des Bundes und der Länder ohne gesetzliche Änderungen kurzfristig erfolgen. Die Zuständigkeit der Länder für eine Regelung des Ruherechtes bleibt dabei unberührt, auch die Gesetzgebungskompetenz bleibt bei den Ländern. Die noch im Detail auszuhandelnde Vereinbarung soll sich an die Regelung für die verwaisten jüdischen Friedhöfe aus der Vorkriegszeit orientieren. Bundesweit sind etwa 3000 Grabstätten betroffen. Der Bund erklärte sich bereit, den Ländern 50 Prozent der entstehenden Kosten zu erstatten.

Es wird jetzt darauf ankommen, von den Sinti-Familien die Gräber genannt zu bekommen, damit wir auf die Städte und Gemeinden zugehen können, die den Beschluss umsetzen müssen.

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Dauerndes Ruherecht © Fotolia/Johanna Mühlbauer Courtesy of BMFSFJ

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Mindener Sinti-Verein eröffnet neues Informationszentrum mit Dauerausstellung über Porrajmos

Am kommenden Samstag (29. Oktober) eröffnet der Verein Deutscher Sinti e.V. Minden sein neues Bildungs- und Informationszentrum in der Mindener Innenstadt. Dabei wartet der Verein mit einem Höhepunkt auf, der nicht nur die Mindener Sinti und Roma interessieren wird. Die Auftaktveranstaltung des Zentrums schließt die Eröffnung einer Dauerausstellung über die Geschichte des Porrajmos ein. Die umfassende und wissenschaftlich fundierte Ausstellung beruht auf einer Dokumentation, die auf der Expo Hannover gezeigt und jetzt für die neuen Räume in Minden umgearbeitet wurde. Minden verdankt diese wichtige Ergänzung seiner Stadtkultur dem ehemaligen Boxer und erfolgreichen Boxtrainer Oswald Marschall, der seit 2015 den Zentralrat der Deutschen Sinti und Roma in Berlin vertritt. Daneben ist er 1. Vorsitzender des Mindener Vereins.

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Der Mindener Oswald Marschall vertritt die Sinti und Roma in vielen Gremien auf Bundesebene und ist Leitender Referent des Zentralrats der Sinti und Roma in Berlin (Foto newiki)

Die Veranstaltung am Samstag, die um 15 Uhr in der Königstraße 3 beginnt, gibt den Teilnehmenden zugleich viel Gelegenheit zum Austausch über die Situation der Sinti und Roma in Deutschland und deren mögliche Verbesserung. Nach wie vor ist die Haltung der Mehrheitsgesellschaft gegenüber der anerkannten nationalen Minderheit der Sinti von Rassismus und Antiziganismus geprägt. Insbesondere die Bildungsintegration lässt zu wünschen übrig. Vorurteile und rassistische Klischees beherrschen die Haltung der Bevölkerungsmehrheit gegenüber den Sinti. Häufig werden sie kriminalisiert, während ihr verfassungsmäßiger Anspruch auf Gleichheit vor dem Gesetz – offen oder versteckt – verweigert wird. Gleichzeitig wirkt die Ausgrenzung aus Bildungs-, Ausbildungs- und Berufschancen wie eine self-fulfilling prophecy (eine Vorhersage, die selbst dafür sorgt, dass sie eintritt). Die systematische Benachteiligung drängt die Betroffenen an den Rand der Gesellschaft, ins soziale Abseits und in Milieus, die abweichendes Verhalten und Rechtsbrüche begünstigen, ja sogar zwangsläufig machen. All diese Sachverhalte und ihre beklagenswerten Folgen betreffen ebenso die Roma in Deutschland – im Allgemeinen nur noch schlimmer.

In drei Workshops, zu denen sich zahlreiche prominente VertreterInnen aus Politik und Bildung Nordrhein-Westfalens angesagt haben, sollen diese Themen offen zur Sprache kommen. Die Mindener Sinti wollen aber nicht nur Schlimmes beklagen, sondern nach vorn sehen. Das Bildungszentrum hat sich mit dem Projekt “Mer Ketne – Wir zusammen” das Ziel gesetzt, zwar über Diskriminierung und Chancen-Ungleichheit aufzuklären, aber auch Wege aufzuzeigen, wie diese zu überwinden sind und mehr gesellschaftliche Teilhabe zu erreichen ist.

Die Veranstaltung ist öffentlich, Besucherinnen und Besucher auch von außerhalb Mindens sind willkommen!

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Tschechische Volleyball- Jugendmannschaft unter dem Namen “Zyklon B”

Rassismus und Antizinganismus in Osteuropa nehmen zu. In Tschechien lief Anfang Oktober die Volleyball-Mannschaft eines Kinderheims unter dem Namen “Zyklon B” auf.

Zyklon B hieß das Giftgas, das in Auschwitz zum Einsatz kam. Bei dem Turnier traten auch Roma-Kinder an. Da in osteuropäischen Ländern wohl keine Roma-Familie existiert, deren Großeltern und Elterngeneration nicht vom Porrajmos betroffen waren, ist die Namensgebung für das jugendliche Volleyballteam eine unerträgliche Provokation und eine rassistische Verhöhnung der Opfer unter den Sinti und Roma. Über den Vorfall berichteten mehrere tschechische Zeitungen, darunter die Jüdische Zeitung “Zidovske listy” und das Blatt “Pravo”.

Jüdische Organisationen in Tschechien äußerten sich entsetzt über den Vorfall. “Mich überrascht, dass die Veranstalter dies nicht gestoppt haben”, zitierte “Pravo” Tomas Jelinek, den früheren Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde in Prag. Seine Tochter hatte für ein anderes Team an dem Wohltätigkeitsturnier teilgenommen und davon berichtet. Fans hätten im Stadion “Lauf, Zyklon B!” gerufen.

Es sei erschütternd, dass das Team “Zyklon B” unter anderem gegen eine Gruppe von Roma-Kindern gespielt habe, sagte Jelinek weiter. Mit dem Giftgas Zyklon B hatten die Nationalsozialisten im Vernichtungslager Auschwitz mehr als eine Million Juden sowie Zehntausende Sinti und Roma ermordet.

Während der deutschen Besatzungszeit wurden die Roma auch im Protektorat Böhmen und Mähren verfolgt. Besonders schlimm wurde es nach dem 9. März 1942. Die Protektoratsregierung übertrug ein Gesetz aus dem Reich auf die ehemalige Tschechoslowakei: den Erlass über die vorbeugende Verbrechensbekämpfung. Unter diesem Deckmantel kämpfte das NS-Regime gegen alle so genannten „asozialen“Elemente. Es war der Startschuss für die rassische Kategorisierung der Roma und ihre Deportation nach Auschwitz.

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Roma-Kinder aus Böhmen nach der Befreiung.

 

 

 

 

 

 

 

Nach dem Krieg kehrten nur 583 tschechische Roma aus den Konzentrationslagern der Nazis zurück. Michal Schuster ist Historiker am Museum für die Kultur der Roma in Brno:

„Wir können festhalten, dass 90 Prozent der ursprünglichen Roma-Bevölkerung in Böhmen und Mähren während des Zweiten Weltkriegs massakriert wurde. Und der prozentuelle Anteil von Betroffenen einer einzelnen Volksgruppe ist einer der höchsten in ganz Europa.“ (Radio Prag: Porrajmos – der Holocaust an den Roma im Protektorat Böhmen und Mähren, 27. 10. 2012)

Der Leiter des  Kinderheims bei Prag, dessen Team als “Zyklon B” angetreten war, und die veranstaltende Stiftung entschuldigten sich dafür, den Vorfall nicht rechtzeitig unterbunden zu haben. Wer für die Namensgebung verantwortlich war, ist bislang nicht bekannt. Es ist die historische Verantwortung der Mehrheitsgesellschaften in Europa, und der Respekt vor den Opfern von Auschwitz und ihren Nachkommen fordert es, solchen Entwicklungen entschieden entgegenzutreten.

Wir sitzen in einem Boot

Wir haben eine gemeinsame Verfolgungsgeschichte

Holocaust und Porrajmos sind zwei Seiten der gleichen Münze: des rassistischen Verfolgungswahns der Nationalsozialisten und ihrer willigen Helfer. Gleich nach der Machtübernahme aufgrund der Wahlergebnisse von 1933 beginnen die Inhaftierungen von Sinti und Roma in Konzentrationslager. Auf der Grundlage des „Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ vom 14. Juli 1933 werden ab 1934 auch Sinti und Roma zu Opfern von Zwangssterilisationen. 1933 wird unter dem Kommando von Reichspropagandaminister Josef Goebbels die Reichskulturkammer gegründet, in der die Kulturschaffenden zwangsorganisiert werden sollen. Der „rassisch“ begründete Ausschluss aus einer der Gliederungen der Reichskulturkammer, zum Beispiel der Reichsmusikkammer oder der Reichsfilmkammer, bedeutet für Juden wie Sinti und Roma faktisches Berufsverbot.

1935 werden die „Nürnberger Rassengesetze“ verkündet. Sinti und Roma werden ebenso wie Juden zu Bürgern mit eingeschränkten Rechten herabgestuft, Ehen und nichteheliche Beziehungen mit “Ariern” sind ihnen verboten. Reichsinnenminister Frick am 3. Januar 1936: „Zu den artfremden Rassen gehören […] in Europa außer den Juden regelmäßig nur die Zigeuner.“ Vor Eröffnung der Olympischen Spiele 1936 werden zwar rassistische Schilder, etwa die Boykottaufrufe gegen jüdische Geschäfte, aus der Öffentlichkeit entfernt, aber Hunderte von Berliner Sinti und Roma in einem KZ-ähnlichen Zwangslager in Berlin-Marzahn interniert. Auch in anderen Städten werden solche Lager eingerichtet. Die schrittweise Entrechtung von Juden, Sinti und Roma und ihre Ausgrenzung aus nahezu allen Bereichen des öffentlichen Lebens schreitet voran. 1937 wird die „Rassenhygienischen Forschungsstelle“ unter Leitung von Dr. Robert Ritter ins Leben gerufen. Sinti und Roma im Reichsgebiet sollen erfasst und “rassisch” kategorisiert werden, wie es auch mit Juden geschieht. Ritter und seine Mitarbeiterin Sophie Erhardt fertigen bis Kriegsende 24 000 “Rassegutachten” an. Sie bilden eine wesentliche Grundlage für die Deportationen in KZ und Vernichtungslager.

Von Juni 1938 bis Juni 1939 werden mindestens 2 000 Sinti und Roma, darunter Kinder ab 12 Jahren, in die Konzentrationslager Sachsenhausen, Buchenwald, Dachau, Mauthausen und Ravensbrück verschleppt, wo sie Zwangsarbeit für Unternehmen der SS leisten müssen. Himmler befiehlt die Einrichtung einer „Reichszentrale zur Bekämpfung des Zigeunerunwesens“, die die Erfassung und Verfolgung der Sinti und Roma im Deutschen Reich steuert und koordiniert.
Das “Reichskriminalpolizeiamt” unter der Leitung von SS-Oberführer Nebe wird im September 1939 Teil des neu gegründeten „Reichssicherheitshauptamts“ (RSHA), das bei der Planung und Organisation des Völkermords an Juden und an Sinti und Roma im besetzten Europa eine Schlüsselfunktion hat. Am 8. Dezember 1938 erfolgt der “Zigeuner-Erlass” Himmlers, demzufolge die „Regelung der Zigeunerfrage aus dem Wesen dieser Rasse heraus in Angriff zu nehmen“ sei. Ziel ist die „endgültige Lösung der Zigeunerfrage“. 1939 und 1940 wird auf Besprechungen der Amtschefs und der Einsatzgruppenleiter im „Reichssicherheitshauptamt“ beschlossen, die Juden sowie „die restlichen 30 000 Zigeuner“ aus dem Reichsgebiet in das besetzte Polen zu deportieren. Ein „Festsetzungserlass“ bereitet die geplanten Deportationen vor. Allen Sinti und Roma wird unter Androhung von KZ-Haft verboten, ihre Wohnorte zu verlassen. Aufgrund eines weiteren Befehls von Himmler erfolgt im April 1940 die erste Massendeportation ganzer Familien in das besetzte Polen. Dort werden sie in Konzentrationslagern und Ghettos (u. a. in Warschau oder Radom) zur Zwangsarbeit eingesetzt. Der größte Teil der Verschleppten kommt in der Folgezeit gewaltsam ums Leben.

Die Ausgrenzung der Sinti und Roma gleicht immer mehr der der Juden. 1941 ordnet das Oberkommando der Wehrmacht „aus rassepolitischen Gründen“ die „Entlassung von Zigeunern und Zigeunermischlingen aus dem aktiven Wehrdienst“ an. Ein Runderlass des Reichsministers für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung schafft die formalen Voraussetzungen für den Ausschluss von Sinti- und Roma- Kindern vom Schulunterricht, wie er in vielen Städten bereits seit Ende der Dreißigerjahre praktiziert wird. Der deutsche Militärbefehlshaber in Serbien erlässt eine zweisprachige „Verordnung betreffend die Juden und Zigeuner“. Darin heißt es: „Zigeuner werden den Juden gleichgestellt.“
Nach dem Überfall auf die Sowjetunion werden Roma und Juden hinter der Front systematisch von den „Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD“ sowie Kommandos der Wehrmacht und der Polizei erschossen. SS-Einsatzgruppenleiter Otto Ohlendorf sagt später im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess aus: „Es bestand kein Unterschied zwischen den Zigeunern und den Juden. Für beide galt damals der gleiche Befehl.” In Serbien wird befohlen, „alle jüdischen Männer und alle männlichen Zigeuner als Geisel der Truppe zur Verfügung zu stellen.“ Tausende Juden und Roma werden in der Folge von Kommandos der Wehrmacht erschossen. Aus dem Burgenland werden etwa 5 000 Sinti und Roma, die Hälfte von ihnen Kinder und Jugendliche, unter der Regie Eichmanns nach Łódź deportiert, wo innerhalb des jüdischen Ghettos ein abgetrenntes „Zigeunerlager“ errichtet wird. Etwa 600 Menschen sterben dort an Krankheiten und Seuchen. Alle übrigen Lagerinsassen werden im Januar 1942 ins Vernichtungslager Chełmno gebracht und in Vergasungswagen erstickt. In Simferopol auf der Krim erschießen Kommandos der Einsatzgruppe D alle Bewohner des Roma-Viertels, nachdem man die Menschen in den Wochen zuvor namentlich registriert hat. Lohse, „Reichskommissar für das Ostland“ (der nördliche Teil der besetzten Sowjetunion) schreibt an die Höheren SS- und Polizeiführer: „Ich bestimme daher, dass sie (die Zigeuner) in der Behandlung den Juden gleichgestellt werden.“

Ab Anfang 1942 werden die Deportationen und Massenmorde an Sinti, Roma und Juden intensiver. Im Warschauer Getto müssen Sinti und Roma Armbinden mit der Aufschrift „Z“ tragen. Die meisten werden später in Treblinka ermordet, ebenso wie alle überlebenden Juden nach Liquidierung des Ghettos. Über 25.000 rumänische Roma werden in die besetzte Ukraine (Transnistrien) deportiert, wo der Großteil der Menschen umkommt. Im „Protektorat Böhmen und Mähren“ werden Roma erfasst und in Lager verschleppt. Später erfolgt die Deportation nach Auschwitz-Birkenau. Der “Auschwitz-Erlass” Himmlers vom 16. Dezember 1942 ist die Grundlage für die Ende Februar 1943 beginnende Deportation von 23 000 Sinti und Roma aus den besetzten europäischen Ländern (darunter etwa 13 000 aus Deutschland und Österreich) in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Dort richtet die SS im Lagerabschnitt B II ein „Zigeunerlager“ ein. Das Vermögen der deportierten Sinti und Roma wird eingezogen, ähnlich der “Arisierung” jüdischen Besitzes. Am 23. März 1943 datiert die erste Massenvernichtungsaktion im „Zigeunerlager“ Auschwitz-Birkenau. Etwa 1 700 Sinti und Roma aus der Region Białystok werden in den Gaskammern ermordet. Zwei Monate später, am 25. Mai, werden über tausend weitere Sinti und Roma im Gas erstickt.

Josef Mengele missbraucht als Lagerarzt im „Zigeunerlager“ von Auschwitz-Birkenau Häftlinge für medizinische Versuche. Vor allem Mengeles „Zwillingsforschung“, an der das Kaiser- Wilhelm-Institut beteiligt ist und die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert wird, fallen zahlreiche Sinti- und Roma-Kinder sowie jüdische Kinder zum Opfer. Der Versuch der KZ-Leitung, am 16. Mai 1944 das „Zigeunerlager“ zu „liquidieren“ und die noch lebenden 6.000 Sinti und Roma in den Gaskammern zu ermorden, scheitert am Widerstand der Häftlinge, unter ihnen zahlreiche ehemalige Soldaten (z. B. der Vater von Hugo Höllenreiner).

Am 2. August 1944 wird das „Zigeunerlager” in Auschwitz-Birkenau endgültig liquidiert. Die letzten 2 900 Überlebenden dieses Lagerabschnitts – meist Kinder, Frauen und Alte – werden in der Nacht auf den 3. August in den Gaskammern ermordet. Etwa 3 000 Sinti und Roma sind in den Monaten zuvor als Zwangsarbeiter für die Rüstungsindustrie in andere Konzentrationslager ins Reichsgebiet verlegt worden. Auch jetzt noch kommen Menschen aus anderen Lagern, Juden, Sinti und Roma, nach Auschwitz und werden ermordet, so am 26. September 1944 200 vor allem jugendliche Sinti und Roma aus dem KZ Buchenwald. Nach der Machtübernahme der faschistischen „Pfeilkreuzler“ in Ungarn im Oktober 1944 werden Tausende ungarischer Roma in das Sammellager Komaróm gebracht und dann nach Deutschland deportiert. Auch slowakische Roma werden noch Anfang 1945 in deutsche KZ verschleppt. Sowohl in Ungarn als auch in der Slowakei fallen in der letzten Kriegsphase zahlreiche Roma Massenerschießungen zum Opfer. Viele Juden, Sinti und Roma kommen in den folgenden Wochen bei der Evakuierung der Konzentrationslager auf Todesmärschen um oder sterben bald nach der Befreiung an den Folgen ihrer Haft.
Die Zahl der im nationalsozialistisch besetzen Europa und in den mit Hitler-Deutschland verbündeten Staaten ermordeten Sinti und Roma wird auf eine halbe Million geschätzt. Von den nahezu 40 000 erfassten deutschen und österreichischen Sinti und Roma wurden etwa 25 000 ermordet.

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Unser Kooperationspartner “Forum für Sinti und Roma” sorgte 2015 für eine Gedenktafel in der berüchtigten Hardenberger Straße in Hannover.

Wir haben eine gemeinsame historische Verantwortung

Unsere gemeinsame historische Verantwortung ist es, die Erinnerung an diese geschichtlichen Ereignisse zu bewahren und wachzuhalten. Erinnerung ist im Leben der Völker ein eigener Wert, unabhängig davon, ob sie zum “Nie Wieder!” der Untaten beitragen kann oder nicht. Erinnerung ist Teil der Identität der Völker, das gilt auch für die Erinnerung an die bösen Seiten im Buch des Lebens. Erst 1982 war es Bundeskanzler Helmut Schmidt, der sich anlässlich eines Empfangs von Vertretern des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma zu der Erklärung durchrang: „Den Sinti und Roma ist durch die NS-Diktatur schweres Unrecht zugefügt worden. Sie wurden aus rassischen Gründen verfolgt. Diese Verbrechen haben den Tatbestand des Völkermords erfüllt.“ Damit wird der Völkermord an den Sinti und Roma nach Jahrzehnten der Verdrängung erstmals offiziell von einer deutschen Bundesregierung anerkannt.

Und Bundespräsident Roman Herzog stellte anlässlich der Eröffnung des Dokumentations- und Kulturzentrums Deutscher Sinti und Roma in Heidelberg 1987 klar: „Der Völkermord an den Sinti und Roma ist aus dem gleichen Motiv des Rassenwahns, mit dem gleichen Vorsatz und dem gleichen Willen zur planmäßigen und endgültigen Vernichtung durchgeführt worden wie der an den Juden. Sie wurden im gesamten Einflussbereich der Nationalsozialisten systematisch und familienweise vom Kleinkind bis zum Greis ermordet.“

Heute bedrohen Rechtsradikale, unterstützt und gestärkt von rassistischen Einstellungen in der Mehrheitsgesellschaft und institutionellem Rassismus in den Behörden und Einrichtungen des Staates, erneut Juden, Sinti und Roma gleichermaßen. Wir sind in einem Boot – wehren wir den erneuten Anfängen gemeinsam!

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