Berliner Mahnmal für die ermordeten Sinti und Roma in Gefahr

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Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas

© Rolf Krahl / CC-BY 4.0  (via Wikimedia Commons)

Die Reichsbahn, Entschuldigung: die Deutsche Bahn, will das Denkmal für die im Nationalsozia­lismus ermordeten Sinti und Roma Europas im Berliner Tiergarten teilweise sperren oder gar verlegen. Nach derzeitigen Plänen der Deutschen Bahn AG soll ausgerechnet hier in der Nähe des Reichstagsgebäudes „eines der wichtigsten Zukunftsprojekte“ (O-Ton Bahn) des Berliner Bahn-Netzes entstehen: eine neue City-S-Bahnlinie als zusätzliche Nord-Südtrasse für den Hauptbahnhof. Nicht nur die Sinti und Roma, sondern auch deutsche Juden und andere Gruppen, denen die Erinnerung an Shoa und Porrajmos wichtig ist, wollen Widerstand leisten.

Auf dem Webportal change.org läuft gegenwärtig eine Petition als erster Aufschlag eines hoffentlich breit unterstützten Protestes gegen die Bahnpläne, die das mühsam erkämpfte, 2012 eingeweihte Mahnmal gefährden. (https://www.change.org/p/deutsche-bahn-ag-das-mahnmal-der-ermordeten-sinti-roma-bleibt) Die Verantwortlichen der Deutschen Bahn haben offenbar ein kurzes Gedächtnis. Bei der Trassierung der S-Bahn-Linie, die sich nach der Unterquerung der Spree teilt und den Reichstag rechts und links umgeht, haben sie das Mahnmal auf der Südseite des Reichstagsgebäude einfach übersehen. Die westliche S-Bahn-Trasse läuft genau über den Standort des Mahnmals. Wie man aus Gesprächen der Mahnmalstiftung und des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma mit den Bahn-Vertretern hört, waren letztere sehr überrascht, dass jemand dagegen sein könnte, das Mahnmal einfach abzubauen und woanders hin zu verlegen. Noch weniger erinnerten sie sich der Tatsache, dass die deutsche Eisenbahn von den Deportationen der Sinti, Roma, Juden und anderer Opfergruppen in die nationalsozialistischen Vernichtungslager recht gut profitiert hat. Und dass sich daraus eine historische Verantwortung für die Bahn heute ergeben könnte. Nur zum Vergleich: die holländische Bahngesellschaft hat schon vor Längerem eingewilligt, für die Mittäterschaft bei den NS-Deportationen aus den Niederlanden eine Wiedergutmachung zu leisten.

Die Bedrohung des Mahnmals, das für viele Angehörige von Opfern ein bedeutender Erinnerungsort ist, kann nicht nur als eine Angelegenheit der Sinti und Roma behandelt werden. Sie geht alle an, denen die deutsche Erinnerungskultur und der Kampf gegen das Vergessen ebenso wie gegen den wieder aufkommenden Rechtsradikalismus wichtig ist.

Tagung der Sinti und Roma in Nienburg

Tagungslogo

Tagung des „Interessenverbundes Weser-Ems“ für Sinti und Roma in Niedersachsen Ort: Nienburger Kulturwerk, Mindener Landstraße 20, 31582 Nienburg, Tel: 05021 / 922580

Datum: 4. – 5. Oktober 2019

Freitag, 04. 10. 2019 ab 10:00 Uhr – Einlass

11:00 – 15:00 Uhr – Eröffnungssitzung

Begrüßung durch die Hausherrin, Olga Suin de Boutemard (Geschäftsführerin, Nienburger Kulturwerk); Mirando Wagner (Ehrenvorsitzender, 1. Sinti-Verein Ostfriesland); Michael Wagner (Vorsitzender, 1. Sinti-Verein Ostfriesland)

Grußworte: Mitveranstalter Arbeitskreis Gedenken, Stadt Nienburg;

angefragt: Landkreis Nienburg, Fachdienst Migration und Bildung;

Grußwort der Katholischen Kirche, Pfarrer Thomas Jung, St.-Bernward-Gemeinde, Nienburg

Einführung in den Ablauf der Tagung Ingo Lindemann (2. Vorsitzender, 1.Sinti-Verein Ostfriesland)

angefragt: Beitrag des Projektes Kompetent gegen Antiziganismus

Bernd Grafe-Ulke, Tobias Neuberger, Kompetent gegen Antiziganismus, Probleme und Perspektiven eines Bildungsprogramms

Erfahrungen in der Vereinsarbeit am Beispiel Leer/Ostfriesland

angefragt: Romeo Franz (MdEP), „Wer an der Gesellschaft teilhaben will, muss sich organisieren“

Michael Wagner, „Strukturierte Arbeit der Sinti und der Roma gemeinsam im Hinblick auf politische Teilhabe“.

Ingo Lindemann, „Gestaltung landesweiter politischer Arbeit“.

12:30 – 13:30 Uhr Mittagspause (Catering)

Arbeitsgruppensitzungen

  • Bildungsbegleitung für Sinti & Roma kann so aussehen
  • Neue Vereinsgründungen
  • Organisationsmöglichkeiten und Notwendigkeiten einer Struktur in Niedersachsen
  • Selbstorganisationen der Roma in Niedersachsen

Probleme und Perspektiven der nationalen Minderheit in Niedersachsen

 Podiumsdiskussion und offenes Gespräch zu den Themen Rechtsradikalismus und Rassismus, struktureller Antiziganismus, Verbesserung der Situation in den Schulen, Bildungsinitiativen, Erhaltung der eigenen Kultur, Rolle des Sports, Verhältnis zu den Behörden, Teilnahme an politischen Prozessen.

Teilnehmer*innen: Marja Liisa Völlers (MdB), Andrzej Bojarski (Leintorschule Nienburg), Bernd Grafe-Ulke, Projekt „Kompetent gegen Antiziganismus (KogA)“

weitere Teilnehmende angefragt

Allgemeine Aussprache und Sinti Jazz

 

Samstag, 5. 10. 2019 ab 09:30 Uhr – Einlass

Zwangslose Gespräche der Teilnehmenden

10:30 – 12:00 Uhr – Aufnahme von Impulsen zu neuen Vereinsgründungen

  • Berichte aus den einzelnen Orten und Regionen, Probleme, Lösungsansätze, Ideen, Erfahrungen
  • Wie helfen wir uns bei Neugründungen. Beispiel Nienburg und Hannover
  • Aufgaben und Ansätze zum gemeinsamen Interessenverbund. Wie arbeiten wir zusammen

12:00 – 13:00 Uhr – Pause für einzelne Gespräche mit Snacks, Kaffee, Tee und Kaltgetränken

13:00 – 15:00 Uhr – Abschluss-Runde

 15.00 Uhr, Ende der Tagung

Nähere Information: info@sinti-ostfriesland.de; mizva@thomasgatter.eu

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mandy Müller und das Recht der Minderheit

Ein Foto aus der Zeit ihres Verschwindens.

Heute vor elf Jahren, am 13. September 2008, verschwand die Nienburger Sintiza Mandy Müller spurlos aus dem Celler Haus ihres Mannes. Die verzweifelten Eltern alarmierten die Polizei, die zwei Jahre lang lustlos und hauptsächlich orientiert an Vorurteilen gegen die nationale Minderheit der Sinti, der Mandy angehört, ermittelte. Dann verlief die Polizeiarbeit buchstäblich im Sand der Heide: die Ermittlungsarbeiten wurden eingestellt. Es ging ja nur um eine „abgängige Zigeunerin“ – so steht es in der Polizeiakte und so dachten wohl viele.

Damit aber wollten sich Mandys Eltern und viele Freunde und Unterstützer nicht zufrieden geben. Es gab Diskussionen, Protest, Leserbriefe. Viele Möglichkeiten, die uns der demokratische Rechtsstaat bietet, wurden ausgeschöpft. Schließlich hatten die Behörden ein Einsehen, die polizeilichen Nachforschungen wurden wieder aufgenommen! Ein mehrköpfiges Ermittlerteam begann die mühevolle Arbeit, alle liegengelassenen Fäden der Ermittlung im „Mordfall Mandy“ zusammenzusuchen und ihnen nachzugehen. Ein schier aussichtsloses Unterfangen nach so vielen vergangenen Jahren. Hätte man damals gleich so akribisch gearbeitet, wäre vermutlich längst aufgeklärt, was mit Mandy geschah, und der Täter seiner gerechten Strafe zugeführt.

Der Fall Mandy Müller lehrt uns etwas. Die Mehrheitsgesellschaft muss lernen, auch die Minderheiten in ihr Verantwortungsbewusstsein für den Mitmenschen einzubeziehen. Sie muss lernen, auch das Recht derer, die anders leben, anders denken und vielleicht anders geartet sind, zu achten und zu vertreten. Es geht nicht nur um die Sicherheit und das Wohlergehen der „normalen“ Bürgerinnen und Bürger, und die andern bleiben außen vor. Was nützt eine Demokratie ohne Solidarität mit den Schwachen und sozial Benachteiligten? Auch diejenigen, die nichts ins Schema F passen, die Migranten, die Behinderten, die Menschen anderer Hautfarbe, die unehelich Geborenen, die entlassenen Häftlinge, die anders Gläubigen, die mit der anderen Sprache, mit den anderen Überzeugungen, sie alle müssen als gleichberechtigte Partner der Gesellschaft anerkannt werden.

Mandy Müller fragt euch, ihr Bürgerinnen und Bürger dieses Staates: Seid ihr bereit, uns alle, die wir „anders“ sind, gesellschaftlich und menschlich als gleichberechtigte Partnerinnen und Partner anzusehen? Seid ihr bereit, eure Vorurteile auf den Müllhaufen der Geschichte zu werfen und uns als Gleiche unter Gleichen gegenüber zu treten und zu akzeptieren? Seid ihr bereit, unsere Rechte als Minderheiten nicht nur zu respektieren, sondern sie mit uns gemeinsam zu schützen und im Notfall zu verteidigen? Seid ihr bereit, an unserer Seite zu stehen, wenn – wie schon einmal in der deutschen Geschichte! – aufs Neue vernachlässigt, ausgegrenzt, ausgestoßen, unterdrückt, festgesetzt, erfasst, verfolgt und am Ende auch wieder getötet wird?

Der Fall der verschwundenen, wahrscheinlich ermordeten Sintiza Mandy Müller ist noch nicht gelöst. Die Mordkommission hat ihre mühsame Arbeit noch nicht aufgegeben. Aber was immer daraus wird, Mandy Müller wird nicht vergessen. Nicht als Mensch, nicht als junge Frau, die ein Opfer männlicher Gewalt wurde, und nicht als Symbol für eines der höchsten Güter einer humanen Gesellschaft: das Recht der „Anderen“.

 

2. August – Internationaler Sinti- und Roma-Gedenktag

Heute, am 2. August, ist ein bedeutender internationaler Gedenktag der Sinti und Roma. Am 2. August 1944 wurde der von den Nazis als „Zigeunerlager“ bezeichnete Bereich B-II-e des KZ Auschwitz-Birkenau liquidiert. Rund 3000 dort noch überlebende Männer, Frauen und Kinder wurden in den Gaskammern ermordet.

Lageplan Birkenau

In den 19 Baracken des Bereichs B II-e waren Tausende von Sinti und Roma seit Anfang 1943 unter unmenschlichen Bedingungen gefangen gehalten worden. Die meisten von ihnen waren bis August 1944 schon an Zwangsarbeit, Krankheiten, medizinischen Experimenten des „Lagerarztes“ Mengele oder durch die Mörderhände der SS ums Leben gekommen. Schon am 16. Mai 1944 sollten auch die restlichen Überlebenden ermordet werden. Doch an jenem Tag wehrten sich die Sinti und Roma von B II-e. Nur mit Knüppeln und einigen Werkzeugen bewaffnet, leisteten sie Widerstand gegen die SS. Die Nazis wichen zurück und verschoben die Auflösung des Lagers. Der 16. Mai wird deshalb noch heute international als „Roma Resistance Day“, als Tag des Widerstands der Sinti und Roma, begangen.

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Das wollten die Nazis nicht ein zweites Mal erleben. Sie sonderten deshalb vor dem 2. August diejenigen aus, die noch kräftig genug waren, und verlegten sie in andere KZs. Am Nachmittag des 2. August wurde dann ein Güterzug an die Rampe in Birkenau gefahren. 1 500 Sinti und Roma wurden verladen und gegen 16 Uhr abtransportiert. Am Abend wurden die rund 3 000 Übriggebliebenen zu den Gaskammern gebracht. Wieder wehrten sie sich bis aufs Äußerste, hatten aber diesmal keine Chance.

Leichenverbrennung in Birkenau 1944.

Ihr Tod soll ebenso wenig vergessen sein wie der Tod all der anderen von den Deutschen zwischen 1933 und 1945 Ermordeten. Auch an das Leid der überlebenden Angehörigen erinnern wir, vor allem der vielen Kinder, die ihre Großeltern, Eltern, Geschwister und Verwandte durch den Völkermord verloren.

Dieses Leid der folgenden Generationen hört bis heute nicht auf. Wieder werden Sinti und Roma in Deutschland und ganz Europa ausgegrenzt, geschlagen, vertrieben, verschleppt, mit dem Tode bedroht oder durch Behörden drangsaliert. Ihre Freizügigkeit wird in Frage gestellt, sie müssen sich rechtfertigen, wenn sie reisend oder beruflich unterwegs sind. Sie müssen sich ungerechten Polizeiaktionen beugen, überzogene Kontrollen über sich ergehen lassen. Man will sie aus Wohngebieten vertreiben oder in lagerähnlichen Unterkünften festsetzen. Ihre Kinder werden in der Schule benachteiligt oder aus den regulären Bildungsgängen abgedrängt. Sinti und Roma werden bereits wieder erfasst und gezählt, so wie damals, als der Porrajmos begann.

Wann hört das auf? fragen die Ermordeten von Auschwitz. Wann werden wir frei sein? fragen die Kinder heute ihre Eltern.

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2019 Auschwitz erinnern heißt auch Porrajmos erinnern!

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Deportation von Sinti aus Asperg, 22. 5. 1940, Foto der Ritter-“Forschungsstelle”, aus dem Bundesarchiv)

Wir haben jetzt einen Antisemitismus-Beauftragten, das ist toll und notwendig. Aber wann fängt Deutschland an, den Antiziganismus auch offiziell wahrzunehmen? Nur weil er weniger offen gewalttätig als damals und heute eher strukturell ist, darf man ihn ignorieren? Ich weiß nicht, ob es Eli Wiesel oder Kurt Tucholsky war, der sinngemäß schrieb, dass sich der Wert einer Kultur daran zeigt, wie sie mit ihren Minderheiten umgeht. Ist auch egal von wem das Zitat stammt, es stimmt jedenfalls.

“Unter uns?” – Ausstellung der Sinti in Ostfriesland und Leer bis 25. Januar 2019

Aufgrund des großen Publikumsinteresses wird die Ausstellung “Unter uns? – Sinti in Ostfriesland und Leer” in der Gedenkstätte Ahlem verlängert. Sie ist noch bis zum 25. Januar 2019 zu sehen. Mitglieder des 1. Sinti-Vereins Ostfriesland haben diese Ausstellung initiiert und in Zusammenarbeit mit dem Heimatmuseum und der Stadt Leer in hohem Maße an der Entstehung mitgewirkt.

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Foto: Andreas Mischok

 

 

 

 

 

 

Das Foto zeigt Schülerinnen und Schüler des 11. Jahrganges der Sophienschule Hannover und Vertreterinnen und Vertreter des 1. Sinti-Vereins Ostfriesland aus Leer. Die Gedenkplatte zur Erinnerung an die Deportation der Sinti aus Hannover wurde 2018 zum 75. Jahrestag der Deportationen in der Gedenkstätte Ahlem bei Hannover eingeweiht.

Inhaltlich geht es bei der Ausstellung vor allem um die Nachkriegsgeschichte der Sinti im ostfriesischen Raum, darin nicht nur um die fortgesetzte Ausgrenzung und die Aufklärung über langlebige Vorurteile. Die Präsentation gibt auch interessante Einblicke in die Entwicklung der Sinti in Ostfriesland und ihre heutige Situation. Sie zeigt, was mit Initiative und Engagement für die nationale Minderheit erreicht werden kann.

Auf Einladung der Gedenkstätte Ahlem waren vom 19.11. bis zum 23.11. Vertreterinnen und Vertreter des 1. Sinti Vereins Ostfriesland in Hannover zu Gast und haben mit mehr als 150 Teilnehmenden Workshops zu Inhalten der Ausstellung durchgeführt. Vertreterinnen und Vertreter der Sinti kamen so in einen intensiven Austausch mit Angehörigen der Bundeswehr, Schülerinnen und Schülern, sowie Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern.

Auskunft über Workshop-Angebote und Besuche durch Gruppen können über die Webseite der Gedenkstätte eingeholt werden: http://www.gedenkstaette-ahlem.de

 

 

Zwei Ausstellungen zu Kultur und Gegenwart der Sinti in Norddeutschland

Nienburg zeigt Gesicht für Vielfalt und Demokratie – gegen Rechtsextremismus

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Viele Nienburgerinnen und Nienburger haben sich Anfang April über die im Internet verbreitete Erklärung einer im Landkreis agierenden rechtsextremen Partei geärgert. Dort wurde das „Weser-Aller-Bündnis: Engagiert für Demokratie und Zivilcourage (WABE)“ diffamiert und verleumdet. Indirekt wurden dadurch von Rassismus, Antisemitismus und Antiziganismus und generell von Neonazi-Parolen betroffene Menschen beleidigt und in die kriminelle Ecke gestellt. Wir nehmen Artikel 1 des Grundgesetzes ernst: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt. Deshalb laden wir alle Bürgerinnen und Bürger, die das deutsche Grundgesetz bejahen, am 16. Mai 2018 um 18:30 Uhr ins Rathaus Nienburg ein. In Erinnerung an den Widerstand der Sinti und Roma im Familienlager Auschwitz-Birkenau wollen wir ein Zeichen setzen. Für Vielfalt und Demokratie. Gegen den Rechtsextremismus. Für 100 Prozent Menschenwürde.

2Arbeitskreis Gedenken in Kooperation mit dem Fachbereich Bildung, Sport und Soziales Stadt Nienburg, Marktplatz 1, 31582 Nienburg, 05021 87425, 0151 1728 7826 mizva@thomasgatter.eu                                                                                  Kooperationspartner des Forums für Sinti und Roma Hannover

Unterstützt von: Stadt Nienburg, Weser-Aller-Bündnis Engagiert für Demokratie (WABE), Nie wieder e.V., 1. Sinti-Verein Ostfriesland, Heimatverein Leer, Heimatmuseum Leer

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Die Heimat der Sinti und Roma liegt nicht in der Vergangenheit, sondern in der Zukunft!

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Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Bundesjugendkonferenz 2016 der Sinti und Roma in Nordrhein-Westfalen

Vom 30. September bis 3. Oktober 2017 findet in Freiburg im Breisgau die Bundesjugendkonferenz der Roma und Sinti 2017 statt. Das Bundesjugendtreffen ist das größte bundesweite Zusammenkommen junger Roma und Sinti in Deutschland. Sie wird dieses Jahr von Amaro Drom e.V. und dem Roma Büro Freiburg e.V organisiert.

Die diesjährige Veranstaltung widmet sich aus unterschiedlichen Blickweisen dem Thema “Heimat”. Sinti und Roma sind seit Jahrhunderten Teil der deutschen Gesellschaft. Dennoch befinden sie sich immer noch auf dem steinigen Weg des Ankommens. Die Veranstalter schreiben in ihrer Einladung: “Die Erfahrungen und Stärken, die wir auf diesem Weg sammeln, wollen wir mit all jenen teilen, die auch unterwegs sind. Sei es, weil sie zugewandert sind oder weil sich diese Gesellschaft so rasant verändert. Heimat liegt nicht in der Vergangenheit, sie liegt in der Zukunft.”

Seit über 6 Jahrhundert leben Sinti und Roma in diesem Land. Trotzdem finden sie sich bis heute in einer rassistisch geprägten Realität wieder. Welche gesellschaftlichen Entwicklungen und Mechanismen sind dafür verantwortlich. Und wie kann man sie überwinden? Diesen Fragen will die Bundesjugendkonferenz in einem vielfältigen Tagesprogramm aus Workshops, Ausstellungen, Vorträgen, Stadtrundgängen und Diskussionsrunden nachgehen. An den Abenden gibt es eine Eröffnungsfeier mit begehbarer Geschichtswerksttt (30.9.) und eine Theateraufführung zum Thema Abschiebung (1.10.). Den Höhepunkt der viertägigen Konferenz bildet das interkulturelle Stadtfest mit Musik und Workshoppräsentationen am 2.10.2017.

Ausführliche Informationen zum Programm sowie den Veranstaltungsorten finden sich ab August 2017 unter http://amarodrom.de/bundesjugendkonferenz-2017

Weitere Informationen:

Anita Burchardt, Amaro Drom e.V., Prinzenstraße 84/1,  10969 Berlin, http://www.amarodrom.de

Tel: +49(0)30 61620010
Mobil: +49(0)157 89 266 416
Fax: +49(0)30 69001960
Email: anita.burchardt@amarodrom.de

Heute Treffen der Sinti zum Thema Gräberschutz im Nienburger Rathaus

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Zum Thema des dauerhaften Erhaltes der Grabstätten der im Nationalsozialismus verfolgten Angehörigen treffen sich Sinti aus Nienburg und Umgebung heute im Rathaus Nienburg (Witebsk-Zimmer). Das Treffen beginnt um 17:30 Uhr.

Auf Einladung des Arbeitskreises Gedenken treffen sich heute Sinti aus der Mittelweser-Region und Südheide im Rathaus Nienburg, um über das Thema des Gräberschutzes zu diskutieren. Es geht um die dauerhafte Erhaltung der Grabstätten von Angehörigen betroffener Familien, die im Nationalsozialismus verfolgt wurden. Gegenwärtig wird zwischen Bund und Ländern eine einheitliche Regelung erörtert, nach der diese Gräber ähnlich den Kriegsgräbern unter Schutz gestellt werden können. Ihre dauerhafte Erhaltung als Erinnerungsorte wäre so auch dann gewährleistet, wenn die Ruhezeiten überschritten werden und keine Nachkommen mehr vorhanden sind, die sich weiter um die Gräber kümmern könnten.

Als Referenten und beratende Teilnehmende haben sich Regardo Rose und weitere Vertreter des Forum für Sinti und Roma Hannover sowie Oswald Marschall, der Berliner Repräsentant des Zentralrates Deutscher Sinti und Roma angesagt. Erwartet wird auch Carmen Strauss-Marschall vom Bildungszentrum Mer Ketne Wir zusammen! des Vereins deutscher Sinti in Minden.

Das Treffen findet im Witebsk-Zimmer des Nienburger Rathauses statt und beginnt um 17:30 Uhr. Der Vorsitzende des Arbeitskreises Gedenken, Thomas Gatter, gibt eine Einführung ins Thema, die Moderation übernimmt Vorstandsmitglied und Schulleiter Andrzej Bojarski (Leintorschule). Eingeladen sind Sinti und Roma betroffener Familien.

 

Nienburg muss solidarisch mit den Familien sein, deren Gräber geschändet wurden

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Foto: Förderverein Roma, Frankfurt. Auch in Nienburg soll bald ein Mahnmal für die im NS verfolgten und ermordeten Sinti der Stadt entstehen.

Wenn auf einem Nienburger Friedhof Straftäter über Sinti-Gräber herfallen, sie verwüsten und Grabschmuck entwenden, dann handelt es sich um respekt- und pietätlose Hooligans oder bodenlose Dummköpfe, die den niedrigen Marktpreis für Bronze nicht kennen. Aber es ist mehr als das. Es handelt sich dabei – ob den Grabschändern bewusst oder nicht – auch um rassistische Straftaten. Sie richten sich gegen eine Minderheit, die nach dem Gesetz ein anerkannter Teil der deutschen Gesellschaft ist. Die aber dennoch in zahlreichen Lebensbereichen wie Schule, Arbeit, Wirtschaft, Akzeptanz bei den Behörden und vielen mehr von Benachteiligung und Diskriminierung betroffen ist.

644 antisemitische Straftaten wurden im Jahr 2016 aktenkundig. Die meisten von ihnen waren Schmierereien, persönliche Diffamierungen, Holocaust-Leugnungen und nicht wenige Friedhofs- und Mahnmalschändungen, übrigens auch in dieser Stadt. 15 von ihnen, glücklicherweise nicht in Nienburg, waren Fälle physischer Gewalt, die zu zwei Festnahmen und vier Haftbefehlen führten. Laut Aussagen der Polizei und von (nichtjüdischen) Kriminologen liegt die Dunkelziffer – also die Anzahl nicht gemeldeter antijüdischer Straftaten – noch höher. Woher wissen wir das alles? Weil Antisemitismus und antisemitische Straftaten im öffentlichen Bewusstsein Deutschlands völlig inakzeptabel sind. Deshalb werden Statistiken geführt, deshalb kommen diese Vergehen und Verbrechen im Polizeibericht vor, deshalb berichten die Medien darüber.

Was wir nicht wissen, ist die Anzahl antiziganistischer Straftaten, also von Vergehen und Verbrechen, die aus rassistischen Gründen gegen Angehörige der nationalen Minderheit der Sinti oder gegen Roma verübt werden. Warum wissen wir das nicht? Weil Antiziganismus und antiziganistische Straftaten im öffentlichen Bewusstsein Deutschlands nicht völlig inakzeptabel sind, jedenfalls nicht in gleichem Maße wie der Antisemitismus. Deshalb werden darüber keine Statistiken geführt, deshalb kommen diese Straftaten in der Regel nicht in den Polizeibericht, deshalb berichten auch die Medien kaum darüber.

Deshalb darf Nienburg, ein Gemeinwesen, das den Ehrennamen „Stadt der Vielfalt“ trägt, angesichts der jüngsten, in den Medien ausführlich berichteten Grabschändungen nicht gleichgültig zur Tagesordnung übergehen. Gefordert ist die Solidarität aller Nienburgerinnen und Nienburger mit den Familien, deren Gräber und Erinnerungsorte Objekte dieser verwerflichen Übergriffe geworden sind. Und die Ermittlungsbehörden müssen alles daransetzen, die Täter zur Verantwortung zu ziehen.