“Unser Rauch vermischte sich, unsere Asche liegt auf denselben Feldern”

Mein Großvater, wenn er – was selten der Fall war – über Auschwitz sprach, betonte stets, dass seine jüdischen wie seine Roma-Vorfahren seit Holocaust und Porajmos  eine Schicksalsgemeinschaft bilden. “Unser Rauch vermischte sich, unsere Asche liegt auf denselben Feldern”, pflegte er zu sagen.

Auf bis zu 17 Prozent schätzen verschiedene Studien das Potenzial des Rechtsextremismus in der heutigen Gesellschaft Deutschlands, mit steigender Tendenz. Mein Freund Peitschi meint: “Der deutsche Michel wird niemals seinen Hass gegen Sinti und Juden loswerden. Unterdrücken vielleicht, oder verdrängen. Aber nicht überwinden.” Auch wer etwas mehr Hoffnung auf eine Zukunft ohne Antisemitismus und Antiziganismus in Deutschland und Europa hat, muss sich angesichts der gegenwärtigen Entwicklung einschließlich des Schwächelns des demokratischen Europa Sorgen machen.

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Mahnmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin (Creative Commons Attribution 3.0 Unported)

Obwohl Antisemitismus seit 1945 keine organisierte Massenbewegung und auch keine staatlich propagierte und in Verfolgung und Terror umgesetzte Ideologie mehr darstellt, existieren Judenhass, rassistische und antisemitische Vorurteile immer noch. Sie bleiben eine versteckte politische Ressource dieser Gesellschaft. Auf der Straße und in vielen Köpfen tritt eine pauschale Judenfeindlichkeit heute gern in Gestalt der Gegnerschaft gegenüber Israel auf, aber auch, indem Juden bzw. Platzhalter für Juden (“das internationale Finanzkapital”, “der Zionismus” etc.) für alle möglichen negativen Zeiterscheinungen verantwortlich gemacht werden.

Antiziganismus ist der analog zu „Antisemitismus“ gebildete Begriff dieses Blogs für menschenverachtende Feindlichkeit gegenüber Sinti, Roma und vergleichbare Minderheiten (Jenische, Travellers, Pavee, Woonwagenbewoners). Anders als der Antisemitismus wird der Antiziganismus immer noch in gesellschaftliche Praxis umgesetzt, wenn auch nicht in Formen des Porrajmos. Er äußert sich in gesellschaftlicher und staatlicher Ausgrenzung, Diskriminierung und Verfolgung und persönlichen oder kollektiven Beleidigungen und Diffamierungen. Auch die Abschiebungspraxis gegenüber osteuropäischen Roma durch EU-Mitgliedsstaaten gehört dazu. Behördliche Maßnahmen treffen sie besonders hart, vom sozialen Schutz und von den Versorgungssystemen werden sie vernachlässigt.  Schulische Bildung wird ihnen nur im geringsten Maße zuteil. Viele sind Staatenlose und haben infolgedessen rechtliche Nachteile. Sinti, Roma und die vergleichbaren Minderheiten sind laut EU-Parlament die am meisten benachteiligte Minderheitengruppe in der Europäischen Union.

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Das Mahnmal für die ermordeten Sinti und Roma Europas in Berlin entstand erst 2012. (Foto Rolf Krahl, via Wikimedia Commons)

 

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