Mer Ketne

Mindener Sinti-Verein eröffnet neues Informationszentrum mit Dauerausstellung über Porrajmos

Am kommenden Samstag (29. Oktober) eröffnet der Verein Deutscher Sinti e.V. Minden sein neues Bildungs- und Informationszentrum in der Mindener Innenstadt. Dabei wartet der Verein mit einem Höhepunkt auf, der nicht nur die Mindener Sinti und Roma interessieren wird. Die Auftaktveranstaltung des Zentrums schließt die Eröffnung einer Dauerausstellung über die Geschichte des Porrajmos ein. Die umfassende und wissenschaftlich fundierte Ausstellung beruht auf einer Dokumentation, die auf der Expo Hannover gezeigt und jetzt für die neuen Räume in Minden umgearbeitet wurde. Minden verdankt diese wichtige Ergänzung seiner Stadtkultur dem ehemaligen Boxer und erfolgreichen Boxtrainer Oswald Marschall, der seit 2015 den Zentralrat der Deutschen Sinti und Roma in Berlin vertritt. Daneben ist er 1. Vorsitzender des Mindener Vereins.

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Der Mindener Oswald Marschall vertritt die Sinti und Roma in vielen Gremien auf Bundesebene und ist Leitender Referent des Zentralrats der Sinti und Roma in Berlin (Foto newiki)

Die Veranstaltung am Samstag, die um 15 Uhr in der Königstraße 3 beginnt, gibt den Teilnehmenden zugleich viel Gelegenheit zum Austausch über die Situation der Sinti und Roma in Deutschland und deren mögliche Verbesserung. Nach wie vor ist die Haltung der Mehrheitsgesellschaft gegenüber der anerkannten nationalen Minderheit der Sinti von Rassismus und Antiziganismus geprägt. Insbesondere die Bildungsintegration lässt zu wünschen übrig. Vorurteile und rassistische Klischees beherrschen die Haltung der Bevölkerungsmehrheit gegenüber den Sinti. Häufig werden sie kriminalisiert, während ihr verfassungsmäßiger Anspruch auf Gleichheit vor dem Gesetz – offen oder versteckt – verweigert wird. Gleichzeitig wirkt die Ausgrenzung aus Bildungs-, Ausbildungs- und Berufschancen wie eine self-fulfilling prophecy (eine Vorhersage, die selbst dafür sorgt, dass sie eintritt). Die systematische Benachteiligung drängt die Betroffenen an den Rand der Gesellschaft, ins soziale Abseits und in Milieus, die abweichendes Verhalten und Rechtsbrüche begünstigen, ja sogar zwangsläufig machen. All diese Sachverhalte und ihre beklagenswerten Folgen betreffen ebenso die Roma in Deutschland – im Allgemeinen nur noch schlimmer.

In drei Workshops, zu denen sich zahlreiche prominente VertreterInnen aus Politik und Bildung Nordrhein-Westfalens angesagt haben, sollen diese Themen offen zur Sprache kommen. Die Mindener Sinti wollen aber nicht nur Schlimmes beklagen, sondern nach vorn sehen. Das Bildungszentrum hat sich mit dem Projekt “Mer Ketne – Wir zusammen” das Ziel gesetzt, zwar über Diskriminierung und Chancen-Ungleichheit aufzuklären, aber auch Wege aufzuzeigen, wie diese zu überwinden sind und mehr gesellschaftliche Teilhabe zu erreichen ist.

Die Veranstaltung ist öffentlich, Besucherinnen und Besucher auch von außerhalb Mindens sind willkommen!

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Tschechische Volleyball- Jugendmannschaft unter dem Namen “Zyklon B”

Rassismus und Antizinganismus in Osteuropa nehmen zu. In Tschechien lief Anfang Oktober die Volleyball-Mannschaft eines Kinderheims unter dem Namen “Zyklon B” auf.

Zyklon B hieß das Giftgas, das in Auschwitz zum Einsatz kam. Bei dem Turnier traten auch Roma-Kinder an. Da in osteuropäischen Ländern wohl keine Roma-Familie existiert, deren Großeltern und Elterngeneration nicht vom Porrajmos betroffen waren, ist die Namensgebung für das jugendliche Volleyballteam eine unerträgliche Provokation und eine rassistische Verhöhnung der Opfer unter den Sinti und Roma. Über den Vorfall berichteten mehrere tschechische Zeitungen, darunter die Jüdische Zeitung “Zidovske listy” und das Blatt “Pravo”.

Jüdische Organisationen in Tschechien äußerten sich entsetzt über den Vorfall. “Mich überrascht, dass die Veranstalter dies nicht gestoppt haben”, zitierte “Pravo” Tomas Jelinek, den früheren Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde in Prag. Seine Tochter hatte für ein anderes Team an dem Wohltätigkeitsturnier teilgenommen und davon berichtet. Fans hätten im Stadion “Lauf, Zyklon B!” gerufen.

Es sei erschütternd, dass das Team “Zyklon B” unter anderem gegen eine Gruppe von Roma-Kindern gespielt habe, sagte Jelinek weiter. Mit dem Giftgas Zyklon B hatten die Nationalsozialisten im Vernichtungslager Auschwitz mehr als eine Million Juden sowie Zehntausende Sinti und Roma ermordet.

Während der deutschen Besatzungszeit wurden die Roma auch im Protektorat Böhmen und Mähren verfolgt. Besonders schlimm wurde es nach dem 9. März 1942. Die Protektoratsregierung übertrug ein Gesetz aus dem Reich auf die ehemalige Tschechoslowakei: den Erlass über die vorbeugende Verbrechensbekämpfung. Unter diesem Deckmantel kämpfte das NS-Regime gegen alle so genannten „asozialen“Elemente. Es war der Startschuss für die rassische Kategorisierung der Roma und ihre Deportation nach Auschwitz.

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Roma-Kinder aus Böhmen nach der Befreiung.

 

 

 

 

 

 

 

Nach dem Krieg kehrten nur 583 tschechische Roma aus den Konzentrationslagern der Nazis zurück. Michal Schuster ist Historiker am Museum für die Kultur der Roma in Brno:

„Wir können festhalten, dass 90 Prozent der ursprünglichen Roma-Bevölkerung in Böhmen und Mähren während des Zweiten Weltkriegs massakriert wurde. Und der prozentuelle Anteil von Betroffenen einer einzelnen Volksgruppe ist einer der höchsten in ganz Europa.“ (Radio Prag: Porrajmos – der Holocaust an den Roma im Protektorat Böhmen und Mähren, 27. 10. 2012)

Der Leiter des  Kinderheims bei Prag, dessen Team als “Zyklon B” angetreten war, und die veranstaltende Stiftung entschuldigten sich dafür, den Vorfall nicht rechtzeitig unterbunden zu haben. Wer für die Namensgebung verantwortlich war, ist bislang nicht bekannt. Es ist die historische Verantwortung der Mehrheitsgesellschaften in Europa, und der Respekt vor den Opfern von Auschwitz und ihren Nachkommen fordert es, solchen Entwicklungen entschieden entgegenzutreten.